Die Strahlungsfresser: Wenn Pilze Atomkraft "frühstücken"
Stellt euch einen Ort vor, der so giftig ist, dass Menschen dort nach wenigen Minuten sterben würden. Der Reaktor 4 in Tschernobyl ist genau so ein Ort. Wir denken bei Tschernobyl an Tod, Ruinen und eine verlassene Geisterstadt. Aber als Wissenschaftler Jahre nach der Katastrophe von 1986 Roboter in den zerstörten Kern schickten, fanden sie etwas Unglaubliches: Leben.
An den Wänden wuchs schwarzer Schleim. Es waren Pilze. Aber diese Pilze tolerierten die Strahlung nicht einfach nur – sie fraßen sie. Man nennt das "Radiosynthese". Diese Entdeckung stellt alles auf den Kopf, was wir über Biologie zu wissen glaubten, und könnte sogar der Schlüssel sein, um Menschen auf dem Mars zu schützen. Aber schauen wir uns diese "Super-Pilze" mal genauer an.
Wer wohnt im Reaktor?
In den 90er Jahren fanden Forscher heraus, dass etwa 200 Pilzarten es sich in der Reaktorruine gemütlich gemacht hatten. Das Verrückte: Viele von ihnen wuchsen in Richtung der Strahlungsquellen. Es ist, als würden sie das radioaktive Material riechen und sich am Buffet bedienen.
Es ist schon Ironie des Schicksals, dass selbst bei den größten Fehlern der Menschen, am Ende doch noch eine Weiterentwicklung stattfindet. Das Umland stirbt, und das soeben gestorbene Umland bringt wissenschaftlich enorm wichtige Erkenntnisse für die weltweite Forschung zur Welt.
| Spezies | Name | Superkraft |
|---|---|---|
| Cladosporium sphaerospermum | Schwarzschimmel | Wächst im Weltraum schneller als auf der Erde. |
| Cryptococcus neoformans | Gekapselte Hefe | Nutzt Melanin wie ein Solarpanel für Strahlung. |
| Wangiella dermatitidis | Schwarze Hefe | Liebt Gammastrahlung zum Frühstück. |
| Alternaria alternata | Dunkler Pilz | Zersetzt sogar radioaktives Graphit. |
Das Geheimnis: Melanin im "Dark Mode"
Wir Menschen haben Melanin in der Haut, um uns vor der UV-Strahlung der Sonne zu schützen – wir werden braun. Diese Pilze nutzen Melanin aber anders. Sie benutzen es als Energieumwandler. Stellt euch das wie Photosynthese bei Pflanzen vor, nur dass sie kein Sonnenlicht brauchen, sondern ionisierende Strahlung.
Normalerweise zerstört Strahlung Zellen, indem sie Elektronen aus Molekülen herausschießt (das nennt man Ionisierung). Das Melanin in diesen Pilzen ist aber so gebaut, dass es diese energiereichen Einschläge auffängt.
- Schutzschild: Die Zellwände sind voll mit Melanin, wie eine Bleiweste.
- Kraftwerk: Wenn Strahlung auf das Melanin trifft, werden Elektronen übertragen. Der Pilz nutzt diese Energie dann für seinen Stoffwechsel.
Studien haben gezeigt: Unter Bestrahlung wachsen diese Pilze deutlich schneller als ohne. Sie brauchen die Gefahr quasi zum Leben.
Vom Reaktor zum Mars: Pilze als Schutzschild?
Das ist der Teil, der mich am meisten begeistert. Wenn wir zum Mars wollen, ist die kosmische Strahlung unser größter Feind. Bleiplatten sind zu schwer für Raketen. Aber was wäre, wenn wir unseren Schutzschild einfach züchten könnten?
Experimente auf der ISS
Man hat diesen Tschernobyl-Pilz (Cladosporium) tatsächlich auf die ISS geschickt. Das Ergebnis war verblüffend:
- Wachstumsschub: Im Weltraum wuchs der Pilz schneller als auf der Erde.
- Schutzwirkung: Eine Schicht von nur 1,7 Millimetern blockierte bereits über 2% der Strahlung.
Die Idee für zukünftige Mars-Kolonien: Wir nehmen ein bisschen Pilz-Sporen mit, mischen sie mit Mars-Boden und lassen unsere Häuser-Wände wachsen. Ein sich selbst reparierender Strahlenschutz. Genial, oder?
Wir müssen aber auch zurück auf die Erde schauen, denn die Lage in Tschernobyl hat sich dramatisch zugespitzt. Das "New Safe Confinement" (die riesige Schutzhülle über dem Reaktor) ist nicht mehr sicher.
Der Vorfall vom Februar 2025
Am 14. Februar 2025 traf ein Drohnenangriff die Schutzhülle. Die Folgen beschäftigen uns bis heute:
- Das Loch: Ein 15 Quadratmeter großes Loch klafft im Dach.
- Das Risiko: Regenwasser könnte eindringen und den radioaktiven Schutt im Inneren instabil machen. Die IAEA hat gewarnt, dass der primäre Strahlenschutz nicht mehr gewährleistet ist.
Es ist eine bittere Ironie: Während wir lernen, wie die Natur mit Strahlung umgeht, zerstören wir Menschen die Schutzmaßnahmen, die wir selbst gebaut haben.
Was macht der "Elefantenfuß"?
Tief im Inneren liegt immer noch der berüchtigte "Elefantenfuß" – eine geschmolzene Masse aus Brennstoff und Beton. Früher war schon ein Blick darauf tödlich. Heute ist die Strahlung gesunken, aber er bleibt eines der gefährlichsten Objekte der Welt.
| Ort | 1986 (Damals) | 2024/2025 (Heute) |
|---|---|---|
| Reaktorkern | 300 Sv/h (Sofort tödlich) | Stark schwankend, viele Hotspots |
| Elefantenfuß | ~100 Sv/h | ~10 Sv/h (Immer noch extrem gefährlich) |
| Pripyat (Stadt) | Extremer Fallout | Relativ gering (für kurze Besuche) |
Mein Fazit
Die Pilze von Tschernobyl zeigen uns, dass Leben unglaublich anpassungsfähig ist. Vielleicht ist die Fähigkeit, Strahlung zu essen ("Radiosynthese"), sogar ein uralter Trick der Evolution, der aus der Frühzeit der Erde stammt.
Die Forschung steht erst am Anfang. Ob als Schutzschild im Weltraum, als "Staubsauger" für Atommüll oder als Schutz für Krebspatienten bei der Chemotherapie – das Potenzial ist riesig. Und während wir uns Sorgen um die zerstörte Hülle in Tschernobyl machen, fressen die Pilze im Inneren einfach weiter.
Für mich bleibt dies eines der spannendsten Themen unserer Zeit, und ich werde die Entwicklungen rund um die "Hulk-Pilze" auf jeden Fall weiter genau im Auge behalten.

