Das System NiUS: Eine Analyse jenseits der Schlagzeilen
1. Einleitung: Die Marktlücke im Diskurs
Die deutsche Medienlandschaft befindet sich in einer Phase der Transformation. Kritiker beschreiben oft eine "Repräsentationslücke" im konservativen Spektrum. In dieses Spannungsfeld trat im Juli 2023 das Portal NiUS, das sich selbstbewusst als "Stimme der Mehrheit" positioniert.
NiUS ist jedoch kein gewöhnliches Start-up. Es ist das Produkt einer spezifischen Konstellation: Der Verbindung eines polarisierenden Boulevard-Journalisten (Julian Reichelt) mit einem ideologisch motivierten Milliardär (Frank Gotthardt). Diese Allianz zielt nicht primär auf schnellen wirtschaftlichen Gewinn, sondern darauf, den Diskurs zu verschieben. Die Analyse zeigt, dass NiUS Techniken des US-amerikanischen "Fox News"-Modells auf deutsche Verhältnisse adaptiert.
2. Die Genese: Hintergründe und Aufstieg
2.1. Hintergründe beim Axel Springer Verlag
Julian Reichelt etablierte bei Deutschlands größter Boulevardzeitung einen Führungsstil, der intern wie extern für Kontroversen sorgte. Im Frühjahr 2021 wurden interne Ermittlungen öffentlich. Thematisiert wurden ein belastetes Arbeitsklima und die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen.
Das endgültige Aus kam im Oktober 2021, getrieben durch Berichte aus den USA (New York Times) über neue Erkenntnisse aus dem Compliance-Verfahren. Der Verlag trennte sich mit sofortiger Wirkung von ihm.
2.2. Die Gründung von NiUS
Nach seinem Ausscheiden gründete Reichelt die Rome Medien GmbH. Parallel dazu formierte sich im Hintergrund die finanzielle Struktur für das größere Projekt NiUS. Frank Gotthardt, der IT-Milliardär aus Koblenz, integrierte Reichelts Aktivitäten in sein Firmengeflecht.
3. Organisationsanalyse: Das Investoren-Modell
Die Analyse offenbart, dass NiUS kein klassisches Medien-Start-up ist, das auf Risikokapitalbasis agiert, sondern stark von einem einzelnen Großinvestor abhängt.
- Die Struktur: Kapitalgeber Frank Gotthardt hält die Mehrheit der Anteile der Vius SE & Co. KGaA.
- Der Finanzier: Gotthardt ist Gründer der CompuGroup Medical (CGM). Er gilt als libertär-konservativ und investiert in NiUS, um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.
4. Inhaltsanalyse: Framing und Kampagnen
NiUS zeichnet sich durch eine spezifische redaktionelle Methodik aus. Es geht oft weniger um neutrale Abbildung, sondern um die Zuspitzung von Narrativen.
- Politische Gegner: Die Grünen sind ein primäres Angriffsziel. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über einen Verein grüner Polizisten, die später gerichtlich untersagt wurde.
- Kulturkampf: NiUS thematisiert offensiv Transrechte. In der Berichterstattung weigern sich Autoren teils konsequent, Transpersonen mit ihrem gewählten Geschlecht anzusprechen.
5. Rechtliche Auseinandersetzungen
Das Vorgehen von NiUS führt regelmäßig zu juristischen Konflikten. Die Strategie scheint darauf abzuzielen, die Grenzen der Meinungsfreiheit maximal auszutesten.
| Fall / Kläger | Ergebnis / Urteil |
|---|---|
| PolizeiGrün e.V. | Niederlage NiUS: LG Hamburg untersagt unzulässige Verdachtsberichterstattung. |
| Transfrau (Fitnessstudio) | Niederlage Reichelt: LG Frankfurt erlässt Verfügung gegen Misgendering. |
| Mission Lifeline | Zwangsgeld: Wegen fehlerhafter Veröffentlichung einer Gegendarstellung. |
| Entwicklungshilfe (Taliban) | Teilerfolg Reichelt: BVerfG wertet Aussage als zulässige Meinungsäußerung. |
6. Fazit
Die Analyse zeigt: NiUS ist der Versuch, mit massivem Kapitaleinsatz eine Gegenöffentlichkeit zu etablieren, die sich bewusst von den Regeln des klassischen Journalismus abgrenzt. Systematische Zuspitzung, Kampagnen gegen Minderheiten und die Inkaufnahme juristischer Niederlagen prägen das Bild. Während das Portal eine Marktlücke bedient, sehen Medienwissenschaftler darin eine Herausforderung für die politische Kultur und den demokratischen Diskurs.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einer Analyse öffentlich zugänglicher Quellen, Gerichtsurteile und Medienberichte. Er dient der medienwissenschaftlichen Einordnung.