Dilettanten an der Macht? Warum wir eine Kompetenz-Pflicht für Minister brauchen
Wenn ein Bäcker plötzlich beauftragt wird, eine Autobahnbrücke zu berechnen, schütteln wir ungläubig den Kopf. Wenn ein Mediziner sich auf den Posten des Finanzvorstands eines DAX-Konzerns bewirbt, fragen die Aktionäre zu Recht nach seinem BWL-Abschluss oder seiner Bilanz-Erfahrung. Doch in der deutschen Spitzenpolitik scheint genau dieses Prinzip der "fachfremden Führung" nicht nur akzeptiert, sondern gang und gäbe zu sein.
Ministerposten werden hierzulande vergeben wie Parteibonbons auf dem Jahrmarkt – sortiert nach Loyalität, Proporz der Landesverbände, Geschlecht und innerparteilichem Machtkalkül. Eines scheint dabei oft zweitrangig bis irrelevant: Die fachliche Kompetenz für das zu leitende Ressort.
Das Prinzip "Ahnungslos, aber loyal"
Das Problem ist kein Einzelfall, sondern hat System. Wir sehen Verteidigungsminister ohne militärischen Hintergrund, die Panzer nicht von Haubitzen unterscheiden können. Wir sehen Gesundheitsminister ohne medizinische Erfahrung oder Verkehrsminister, die noch nie ein Unternehmen der Logistikbranche von innen gesehen haben.
Das Standardargument der Parteizentralen lautet oft: „Ein Minister muss managen können, nicht fachlich arbeiten. Dafür haben sie ja ihre Fachleute und Staatssekretäre.“
Das mag in der Theorie stimmen, doch in der Praxis greift es zu kurz. Wer führen will, muss verstehen, was er entscheidet. Ein Minister, der sich erst 100 Tage einarbeiten muss, um die Grundlagen seines Ressorts zu begreifen, ist in Krisenzeiten kein Manager, sondern ein Sicherheitsrisiko. Er wird zur Geisel seiner Berater, weil er deren Expertise nicht validieren kann.
Ein Blick aus der Praxis
Ich komme aus einer Welt, in der Ergebnisse zählen – sei es in der Software-Entwicklung oder im Produktdesign. Wenn ich dort einen Projektleiter einsetze, der keine Zeile Code lesen kann und die Architektur nicht versteht, scheitert das Projekt. Warum?
Weil er die Aufwände nicht einschätzen kann. Weil er nicht merkt, wenn ihm Entwickler Märchen erzählen. Und weil er keine Vision entwickeln kann, die technisch machbar ist.
Dass wir bei der Führung eines Landes, bei Budgets in Milliardenhöhe, niedrigere Maßstäbe ansetzen als bei einem mittelständischen IT-Projekt, ist für mich unverständlich. "Generalisten" sind gut, aber Generalisten ohne Basiswissen sind in komplexen Systemen verloren.
Der Vorschlag: Qualifikation vor Rhetorik
Es ist Zeit für eine ernsthafte Debatte über eine Mindestqualifikation für Ministerämter. Warum sollte für das höchste Amt im Staat weniger gelten als für jede mittlere Führungsposition in der Wirtschaft? Mein Vorschlag zur Diskussion: Wer ein Ressort übernimmt, sollte relevante Berufs- oder Lebenserfahrung im jeweiligen Fachgebiet mitbringen.
- Justiz: Ein Justizminister sollte Volljurist sein, um die Tragweite von Gesetzen zu verstehen.
- Finanzen: Ein Finanzminister sollte ökonomischen Sachverstand haben, der über das "Schwäbische Hausfrau"-Niveau hinausgeht.
- Bildung: Ein Bildungsminister sollte wissen, wie es in einer Schule wirklich aussieht – und zwar nicht nur von Wahlkampfbesuchen, sondern aus der Lehre oder Pädagogik.
- Verteidigung: Strategisches Verständnis und Kenntnis der Truppe sollten Pflicht sein, nicht Kür.
Fazit: Kompetenz schafft Vertrauen
Ministerien dürfen keine Verschiebebahnhöfe für verdiente Parteisoldaten sein, die "auch mal dran sind". Sie müssen wieder das werden, was der Name impliziert: Die obersten Fachbehörden des Landes. In einer Zeit, in der das Vertrauen in die Demokratie bröckelt, wäre Professionalisierung das beste Gegenmittel gegen Politikverdrossenheit.
Bürger wollen nicht nur regiert, sondern verstanden werden. Und Respekt verdient man sich durch Leistung und Wissen, nicht durch das richtige Parteibuch zur richtigen Zeit. Es ist Zeit für ein neues Prinzip: Posten nach Kompetenz statt nach Proporz. Das ist nicht elitär, das ist verantwortungsvoll.
Diskussion: Seht ihr das auch so? Sollten Politiker zwingend vom Fach sein, oder ist der "Blick von außen" sogar wichtig, um Betriebsblindheit zu vermeiden? Schreibt eure Meinung in die Kommentare!