Gewerkschaften im Dilemma: Sägt der DGB am eigenen Ast?
In den vergangenen Monaten bot sich auf Deutschlands Straßen oft das gleiche Bild: Hunderttausende demonstrierten gegen Rechtsextremismus, und mittendrin wehten die Fahnen der Gewerkschaften. Ob ver.di, IG Metall oder IG BCE – der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ruft aktiv dazu auf, gegen die AfD und ihre Jugendorganisationen Kante zu zeigen.
Doch hinter der geschlossenen Fassade auf der Bühne brodelt es an der Basis. Kritische Stimmen werfen eine unbequeme Frage auf: Sägen die Gewerkschaften damit nicht am eigenen finanziellen Ast? Schließlich finanzieren sie sich durch Mitgliedsbeiträge – und unter den Beitragszahlern ist die Sympathie für die AfD längst kein Randphänomen mehr.
Das wirtschaftliche Dilemma: Werte gegen Wähler
Die Frage ist berechtigt: Verdienen Gewerkschaften ihr Geld nicht auch mit Mitgliedern, die die AfD wählen? Die Antwort ist ein klares Ja. Wahlanalysen – besonders bei den Landtagswahlen im Osten, aber auch im Bundestrend – zeigen immer wieder, dass der Zuspruch für die AfD gerade unter Arbeitern und Facharbeitern überdurchschnittlich hoch ist. In einigen Regionen ist die AfD stärkste Kraft unter den Gewerkschaftsmitgliedern.
Der strategische Konflikt:
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➤ Der Auftrag (Moral):
Gewerkschaften verstehen sich historisch als Schutzmacht der Demokratie und als antifaschistisches Bollwerk. Schweigen wäre Verrat an der eigenen DNA. -
➤ Die Realität (Ökonomie):
Jedes Mitglied, das sich durch „Anti-AfD-Kampagnen“ seiner eigenen Interessenvertretung beleidigt fühlt und austritt, kostet bares Geld und schwächt die Tarifmacht.
Warum der DGB das Risiko eingeht
Warum positioniert sich die Führungsebene dennoch so deutlich? Die Argumentation ist meist zweigleisig und geht über reine Parteipolitik hinaus. Zum einen gibt es den Unvereinbarkeitsbeschluss: Wer die Solidarität unter den Arbeitnehmern (egal welcher Herkunft) untergräbt, handelt gewerkschaftsfeindlich. Rassismus spaltet die Belegschaft – und eine gespaltene Belegschaft kann nicht streiken.
Zum anderen lohnt ein Blick in das Wirtschaftsprogramm der AfD. Gewerkschafter warnen davor, dass die Partei zwar als „Anwalt der kleinen Leute“ auftritt, ihr Programm aber oft neoliberal geprägt ist. Forderungen nach Schwächung der Arbeitnehmerrechte, Kritik am Mindestlohn oder die Infragestellung der Tarifautonomie werden vom DGB als direkter Angriff auf die eigene Existenz gewertet. Der Protest wird somit nicht als "Parteipolitik", sondern als "Interessenvertretung" legitimiert.
Ein systemischer Einwurf
Man kann eine Gewerkschaft wie ein Betriebssystem betrachten. Ihr "Quellcode" ist die Solidarität: Alle stehen für einen ein. Wenn nun eine politische Strömung (wie Teile der AfD) diesen Quellcode umschreiben will – etwa durch Ausgrenzung bestimmter Gruppen oder Nationalisierung der Sozialfrage –, dann steht das System vor einem Absturz.
Das Paradoxon ist: Die Gewerkschaft muss gegen Teile ihrer eigenen "User" (Mitglieder) vorgehen, um die Integrität der "Plattform" (Tarifmacht) zu retten. Würde der DGB schweigen, um niemanden zu verärgern, würde er seine Daseinsberechtigung verlieren. Eine Interessenvertretung, die nicht für ihre Grundwerte einsteht, wird zur reinen Service-Agentur für Rechtsschutz – und damit überflüssig.
Es ist eine Wette auf die Zukunft: Verliert man kurzfristig Mitglieder, um langfristig relevant zu bleiben? Oder opfert man die Haltung für den kurzfristigen Beitragsfrieden?
Ein riskanter Spagat
Dennoch bleibt die Strategie hochriskant. Kritiker mahnen, dass pauschale Aufrufe gegen die AfD zu einer „Wagenburg-Mentalität“ führen. Wenn sich ein Stahlarbeiter oder eine Pflegekraft, die aus Frust über die Ampel-Politik AfD wählt, von ihrer Gewerkschaft bevormundet fühlt, vertieft das die Spaltung.
Es bleibt ein Drahtseilakt: Der DGB muss glaubwürdig für demokratische Werte einstehen, ohne dabei den Draht zu einem signifikanten Teil seiner eigenen Basis zu verlieren. Ob dieser Spagat gelingt, wird sich nicht auf den Demos entscheiden, sondern in den Kantinen, an den Werkbänken und schließlich an den Wahlurnen.
Diskutiert mit: Findet ihr es richtig, dass sich Gewerkschaften politisch so stark gegen eine Partei positionieren? Oder sollten sie sich rein auf Tarifpolitik konzentrieren, um keine Mitglieder zu verprellen? Schreibt eure Meinung in die Kommentare.